Die Müll-Millionen – Alter Markt
Zwischen 1994 und 1999 leiteten Firmen, die von Kölns 820 Millionen Mark teurer Müllverbrennungsanlage profitierten, heimlich Geld an die den Rat in diesem Rathaus führende SPD weiter, gewaschen über gefälschte Quittungen für Kleinspenden. Der im März 2002 aufgedeckte Skandal endete mit einer Haftstrafe für den Manager der Verbrennungsanlage und Bewährungsstrafen für den Müllmagnaten Hellmut Trienekens und den ehemaligen Oberstadtdirektor Klaus Heugel.
Über diesen Ort
Der Alte Markt ist Kölns ältester Platz, der 922 erstmals urkundlich erwähnt wurde, umrahmt von Giebelhäusern und überragt vom 61 Meter hohen gotischen Turm des Historischen Rathauses, das oft als das älteste Rathaus Deutschlands bezeichnet wird. Er ist auch die Bühne für das berüchtigtste Kapitel des Kölner Klüngels, der Kölner Kunst der Freundschaftsdienste. In den 1990er Jahren baute die Stadt für 820 Millionen Mark eine riesige Müllverbrennungsanlage in Niehl, und zwischen 1994 und 1999 ließen die Unternehmen, die davon profitierten – der Anlagenbauer Steinmüller und der Müllkonzern von Hellmut Trienekens –, der SPD, der damaligen Mehrheitspartei im in diesem Rathaus tagenden Rat, geheime Gelder zukommen. Um die Veröffentlichung von Großspenden zu vermeiden, wurde das Geld in kleine Summen aufgeteilt und mit gefälschten Quittungen auf Parteimitglieder gebucht; der SPD-Fraktionsvorsitzende räumte später 830.000 Mark ein. Als das System im März 2002 zusammenbrach, trat er zurück und legte ein Geständnis ab, woraufhin jahrelange Prozesse folgten: Ulrich Eisermann, Manager der Müllverbrennungsgesellschaft, ging für drei Jahre und neun Monate ins Gefängnis, während Klaus Heugel und Trienekens Bewährungsstrafen erhielten. Die Justiz auf diesem Platz war einst weit brutaler: 1803 wurde der Räuber Mathias Weber, genannt „Der Fetzer“, genau hier guillotiniert. Heute streckt der Platzjabbeck unter der Turmuhr jede Stunde seine Zunge heraus, und auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes entblößt der kupferne Kallendresser seinen Hintern – ein spöttischer Gruß, den viele Einheimische als gegen den Rat gerichtet verstehen.
Wissenswertes
- 820 Millionen Mark — Der Preis der Müllverbrennungsanlage Niehl, das Projekt, dessen Lieferanten geheime Gelder an die den Kölner Rat führende Partei zahlten.
- 830000 Mark — Die Summe, die der SPD-Ratsfraktionschef eingeräumt hat, zwischen 1994 und 1999 erhalten zu haben, gestückelt in kleine Scheinspenden, um nicht in den öffentlichen Rechenschaftsberichten aufzutauchen.
- 45 Monate Haft — Die Haftstrafe, die 2004 gegen Ulrich Eisermann, Geschäftsführer des Betreibers der Müllverbrennungsanlage, verhängt wurde: drei Jahre und neun Monate wegen Untreue und Bestechlichkeit.